Naturschutz zwischen Champagner und Porsche – auf Sylt

Interview mit Margit Ludwig, Geschäftsführerin der Naturschutzgemeinschaft Sylt e.V.

Karte: Natur auf Sylt - Braderuper Heide

Naturschutz auf Sylt: Flora und Fauna der Insel bewahren

Sylt ist bekannt wegen seiner hügeligen Dünenlandschaften, dem Wattenmeer und nicht zuletzt wegen seiner bunten Besucherschar. Bei Euch liest man aber mehr von der Heide. Wie kommt es dazu?
Die NSG Sylt ist Schutzgebietsbetreuer für die Naturschutzgebiete Braderuper Heide (137 ha) und Morsum Kliff (43 ha), zusammen mit dem NSG Nord Sylt seit 1923 das älteste NSG der Insel.

Welche Schutzgebiete gibt es auf Sylt und ist der Schutzstatus insgesamt ausreichend?
Etwa ein Drittel der Insel sind Naturschutzgebiet, ein weiteres Drittel hat einen anderen Schutzstatus (FFH Gebiet, LSG oder Natura 2000). Damit steht eine große Fläche der Insel unter Schutz, was auch gut ist. Es wurde mal darüber Nachgedacht, den Nössekoog als Landschaftsschutzgebiet auszuweisen.

Gibt es Tier und Pflanzenarten die für den Naturschutz auf Sylt besonders bedeutsam sind?
Ja, es gibt zahlreiche Tier- und Pflanzenarten, die sehr selten sind, die teilweise nur noch auf Sylt vorkommen. Im Detail habe ich leider nicht alle parat!

50% der artenreichen Heideflächen Schlewsig-Holsteins liegen auf Sylt

Aber z.B. hat die Kreuzkröte hier noch den größten Bestand. Heideflächen bedecken nur noch 0,5% der Gesamtfläche von Schleswig Holstein, davon sind 50% auf Sylt. Die Artenvielfalt ist sehr hoch in den Heideflächen.

Wie hat sich die Natur Sylts in den vergangenen Jahrzehnten verändert?
Das ist schwer, das in nur einem Satz zu sagen. Da sollte ein Sylter, der hier groß geworden ist befragt werden! Ich lebe erst 20 Jahre hier.

Welche Entwicklungen erwartet Ihr in den nächsten Jahren? Welche Veränderungen erhofft Ihr Euch?
Es wird durch die vielen Zweitwohnungsbesitzer zu einer Verfremdung kommen, wenn diese sich nicht mit der Sylter Kultur und Natur aus eigenen Stücken beschäftigen. Wir versuchen, mit guten Projekten, wie z.B. „Heide in die Gärten!“ Menschen zu erreichen, um sie für die heimische Inselnatur zu begeistern und entsprechend auch ihre Gärten gestalten zu lassen. Wir hoffen auf eine bessere Kommunikation mit den Tourismusverbänden der Insel Sylt. Die Naturschutzverbände sollten zu mehr in Themen mit einbezogen werden, wo es zu Schnittstellen kommt, die den Naturschutz und den Tourismus betreffen.

Hast du eine persönliche Bemerkung zur Natur auf Sylt?
Sie ist einzigartig und verdient Schutz und einen respektvollen Umgang.

Tourismus auf Sylt

Tourismus in Naherholungsgebieten ist in der Gesamtbilanz deutlich umweltschonender. Dennoch sind lokale Schutzgebiete durch höheren Tourismus tendenziell einer stärkeren Belastung ausgesetzt. Wie und in welchem Ausmaß beeinträchtigt der Tourismus die Natur auf Sylt? Welchen Anteil hat daran der Luxustourismus?
Es bedarf einer guten Kommunikation, damit die Belange des Naturschutzes die Gäste erreichen: Umweltbildung, Sensibilisierung für die Natur sollten zu einem respektvollem, nachhaltigen Umgang mit den natürlichen Ressourcen führen.

Ihr gebt auf Eurer Internetseite Tipps, wie man seinen „Fußabdruck“ beim Reisen etwas zusammenstauchen kann. Ist eine Verbesserung zu beobachten? Gibt es ein Zusammenwirken mit der lokalen Wirtschaft?
Nein, die Versuche was zu verändern, sind noch sehr schüchtern. Ein paar wenige E-Autos, ein neuer E-Bus. Aber das Auto ist leider Prestigeobjekt, das der Tourist nur zu gerne mitnimmt und damit über die Insel fährt, statt auf Alternativen umzusteigen. Mehrmals im Jahr bricht der Verkehr in und um Westerland wegen Stau an der Autoverladung zusammen. Der ÖPNV leidet darunter sehr, sowohl die Busse auf der Insel, als auch die Bahn, die auf die Autozüge Rücksicht nehmen muss und sich regelmäßig verspätet!

Braucht die Naturschutzgemeinschaft Sylt den Tourismus für Ihre Arbeit?
Ja auch! Die meisten Veranstaltungen, die wir anbieten, werden von Gästen genutzt. Sehr viele Schulklassen buchen unsere Veranstaltungen (wenn man die auch zu den Touristen zählt). Aber es ist uns auch ein großes Anliegen, Menschen auf diesem Wege zu erreichen – und sie kommen immer wieder gerne zu uns. Wir, wie auch die Insel haben eine Multiplikatorfunktion. Wir können hier sehr viele Menschen erreichen, nicht nur bei Führungen, sondern auch bei anderen Themen, die den Naturschutz allgemein betreffen, wie z.B. die Meeresverschmutzung, ihre Ursachen und was jeder einzelne dagegen unternehmen kann

 Naturschutzgemeinschaft Sylt e.V.

 Was motiviert Euch, was ist Euer Antrieb?
Wir halten an den Zielen fest, immer etwas Gutes für die Natur zu tun. Die Ergebnisse, die Bestätigung aus der Öffentlichkeit, der Glaube an das Gute im Menschen und was ändern zu können.

Wie prekär oder stabil ist die Finanzierung des Vereins?
Wir sind ein gemeinnütziger Verein mit einer hauptamtlich tätigen Biologin und bis zu sieben Freiwilligendienstleistenden. Wir sind auf Spenden angewiesen, damit wir das Zentrum und die Arbeitsplätze aufrecht halten können. Wir führen zahlreiche Führungen durch, arbeiten viel und generieren auch immer wieder neue Projekte über die Führungen hinaus, die dem Naturschutz der Insel dienen. Zudem erhalten wir eine Förderung durch das Land S.H. für die Betreuung der Naturschutzgebiete. Wenn die Inselnatur und das umliegende Weltnaturerbe Wattenmeer nicht durch eine Umweltkatastrophe (Ölhavarie etc.) in Mitleidenschaft gezogen wird und damit zerstört würde und die Gäste nicht mehr nach Sylt kämen, dann wird es auch unseren Verein weiterhin geben.

Welche weiteren Naturschutzinitiativen sind für Euch relevant, wie gut funktioniert die Zusammenarbeit?
Auf der Insel koexistieren die Verbände NABU, Verein Jordsand, Schutzstation Wattenmeer, der Hegering Sylt, Söl’ring Foriining und das Nationalparkamt. Und wir kooperieren auch gut!

Ihr setzt euch vehement für den Schutz Eurer Insel ein und stellt euch dabei auch gegen Bauprojekte, wie etwa das Hotel Atlantis. Sammelt man im Laufe der Jahrzehnte Feinde? Wie macht sich das auf einer Insel bemerkbar?
Was wir tun dient am Ende des Tages dem Naturschutz. Der Wert der Natur selbst ist höher als jedes Bauprojekt, Profitgier macht sich auf lange Sicht nie bezahlt. Ich glaube, Atlantis vermisst kein Mensch, ich bin mir sogar sicher, dass es keiner wirklich gewollt hätte, außer den Bauherren. Sich für oder gegen was einzusetzen, hat halt auch was mit Einsatz zu tun und findet nicht auf dem Sofa vor der Glotze statt.

Welche Widerstände gibt es für Eure Arbeit? In welche Richtung soll sich die Schutzgemeinschaft künftig entwickeln?
Ich würde nicht von Widerständen reden, es ist vielmehr die Überzeugungsarbeit, die wir leisten müssen, um Menschen unsere Belange zu vermitteln und klar zu machen, dass unsere Ideen gut und sinnvoll sind. Wir führen unsere laufenden etablierten Arbeiten fort und werden immer wieder mit neuen Inspirationen den Naturschutz auf der Insel fördern. Unsere Pflicht: Bildungsauftrag an jungen Erwachsenen im Freiwilligendienst weiter erfüllen, Jugendarbeit mit Sylter Kindern und Schülern („Heimatkunde“), Umweltbildung und Öffentlichkeitsarbeit, Naturschutzarbeit in der Natur und Mitsprache bei öffentlichen Belangen.

Vielen Dank für das ausführliche Interview und Euer Engagement auf Sylt.

Lennart Thamm Verfasst von:

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